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Als Leihärztin in Deutschland unterwegs

Hannah Francesca Merz ist Fachärztin für Anästhesiologie und seit Oktober 2018 bei der AnästhesieAgentur angestellt.

Warum haben Sie Ihren alten Job aufgegeben und sich für eine Tätigkeit in Arbeitnehmerüberlassung entschieden?

Ich war sehr lange an einer großen Klinik tätig, mit einem Beschäftigungsumfang von meistens 100 Prozent. Ich habe sehr viel gelernt, tolle Dinge gemacht und es waren sehr intensive Jahre, aber man hat nicht sehr viel Freiheit, wenn man bei einem Maximalversorger mit einem hohen Beschäftigungsumfang angestellt ist. Und irgendwann habe ich gemerkt, ich brauche mehr Freiheit für meine eigenen anderen Themen. Ärztin ist mein Traumberuf, ich arbeite sehr gerne, aber ich wollte nicht, dass der Beruf so bestimmend alles andere zurückstellt. Und da habe ich mich entschlossen zu kündigen. Jetzt arbeite ich sicher genauso viel, aber ich bestimme selbst wann ich was mache.

Ich bin unbefristet bei der AnästhesieAgentur angestellt mit einem Beschäftigungsumfang von 25 Prozent, wobei  ich jederzeit mit den Stunden hoch- oder  runter gehen kann, was ich sehr gut finde. Denn ich habe Familie in Südamerika und wenn ich dort für Wochen oder Monate hin müsste, dann könnte ich das machen. Selbst wenn mein Stundenkonto dafür nicht ausreichen würde, könnte ich zu einem gewissen Pensum Minusstunden machen oder den Vertrag kurzfristig auf 10 Prozent setzen. Das gibt mir eine große Sicherheit. Wenn ich festangestellt in einer Klinik arbeiten würde, müsste ich in diesem Fall gehen, denn ich kenne auch keine Ärzte, die ein Sabbatical genommen hätten. Die Verträge geben das in der Regel nicht her.

Im Moment habe ich mich aber entschieden, 25 Prozent zu arbeiten und durch mein Zeitkonto habe ich sehr viel Flexibilität und Freiheit. Daneben arbeite ich selbstständig als Notärztin auf Honorarbasis und in Kurzzeitanstellung bei anderen Firmen.

Warum meinen Sie, wechseln Ärztinnen und Ärzte in die Leiharbeit?

Viele Kollegen und Freunde, mit denen ich in der Weiterbildung war, würden eigentlich lieber in einer festen Anstellung im Krankenhaus bleiben, aber die Arbeitsbedingungen sind tatsächlich schlecht für Ärzte. Es ist nicht überall so, aber die Tendenz ist:  immer weniger Ärzte, immer mehr offene Stellen, immer mehr Überstunden, immer mehr Druck auf die, die schon was können.

Wenn jemand eingestellt wird, dann sind es oft Anfänger, die teilweise echt wenig Erfahrung oder im Ausland studiert haben und deshalb die Abläufe gar nicht kennen oder Kommunikationsprobleme haben. So lastet auf den Fachärzten, Assistenzärzten und Oberärzten immer mehr Druck und sehr viele in meinem Umfeld sagen: „Na gut, dann gehe ich halt auch als Leiharzt auf den Markt“. Da gibt es dann einzelne, wie ich, die das einfach toll finden, aber viele, die sagen „Ich werde das zumindest eine Weile machen, bis ich eine Stelle finde, die mir wirklich gefällt.“ Das wird aber immer schwieriger, weil der Stellenschlüssel eigentlich nirgendwo mehr wirklich erreicht wird. In fast jedem Klinikum, das ich in den letzten eineinhalb Jahren gesehen habe, waren Stellen offen, manchmal dramatisch viele Stellen.

Welche Vorteile hat die Leiharbeit speziell für Sie im Vergleich zur Festanstellung in einer Klinik?

Flexibilität steht auf jeden Fall ganz oben. Außerdem werde ich eigentlich überall sehr gut behandelt in den großen Häusern und bekomme sehr viel Wertschätzung für meine Arbeit und meine Einsätze. Schon bevor es wirklich losgeht, kennen sie meine Zeugnisse und mein Profil und freuen sich, dass ich komme. Diese Art von Wertschätzung findet man in der Festanstellung in der Klinik oft nicht, das weiß ich auch von Kollegen. Man bekommt eher das Gefühl vermittelt:  „Seien Sie froh, dass Sie hier arbeiten dürfen!“ Aber der Markt ist inzwischen umgedreht und die Kliniken können froh sein über jeden Anästhesisten, der gut ist, seinen Beruf gerne macht und den man anstellen darf.

Können Sie noch etwas zur Work-Life-Balance sagen?

Als ich beschlossen habe, nicht mehr beim Maximalversorger in der Festanstellung zu arbeiten, sondern mehr Flexibilität und mehr Freiheit über mein Arbeitspensum zu erlangen, war ich unglaublich erleichtert darüber, dass ich jetzt entscheiden darf, an bestimmten Terminen nicht zu arbeiten, weil ich für meine Familie, mein Kind, meine Freunde oder die Dinge, die mich interessieren, Zeit frei machen möchte.

Gibt es auch Nachteile?

Ein Nachteil in der Leiharbeit ist, dass man immer neu ist. Es gibt natürlich Einsätze, da ist man für drei oder fünf Monate in einem Haus oder über ein ganzes Jahr die meiste Zeit in einem Haus, aber ich gehe eher für wenige Tage oder Wochen in Kliniken. Ich mag das, aber viele meiner Bekannten und Freunde sagen, dass könnten sie nicht so lange oder gar nicht machen.  Immer neue Teams und Strukturen, sich im Haus orientieren, mit den Computerprogrammen und den Eigenheiten der Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, zurechtzukommen – das ist nicht für jeden etwas.  

Was erwartet Ärzte, die in Arbeitnehmerüberlassung arbeiten möchten?

Ich denke, dass die Arbeitnehmerüberlassung tatsächlich ein sehr ernst zu nehmendes Zukunftsmodell ist für Ärzte, solange sich an den Arbeitsbedingungen im Krankenhaus nichts verändert.  Solange die Dienstpläne weiter so gemacht werden, die OP-Säle weiter so befahren werden, obwohl keine Anästhesisten oder keine Pflegenden da sind, ist die Zeitarbeit für Ärzte ein attraktives Konkurrenzmodell.

Natürlich muss man fachlich wirklich gut sein. Ohne eine breite fachliche Kompetenz ist es tatsächlich gefährlich, da man dem neuen Ort, dem unbekannten Team, dem teilweise unbekannten Spektrum sonst nicht gewachsen ist. Das muss man ausgleichen, in dem man besser ist als die meisten oder auf jeden Fall sehr gut.

Und was man auf jeden Fall mitbringen muss ist Kommunikationsfähigkeit, weil man die Leute mit denen man arbeitet, in kürzester Zeit von sich überzeugen muss: angefangen bei den Organisatoren der Intensivstation und des OPs, über die Pflegekräfte  und Oberärzte bis hin zu Mitarbeitern anderer Fachrichtungen. Man hat nicht viel Zeit, um dem Team zu sagen: Hier bin ich, ich bin gut, ich bin kompetent und ich bin nett! Man muss es ganz schnell hinkriegen.

Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit mit den Teams vor Ort?

Ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht. Bevor ich meinen allerersten Einsatz – damals noch als Honorarärztin - hatte, habe ich gelesen, dass es ablehnende Verhaltensweisen gibt, dass Honorarärzte angefeindet oder nicht gemocht werden. So nach dem Motto: Da kommt einer, der kann nichts, der kennt das hier nicht, aber verdient viel mehr als alle anderen. Meine Erfahrungen waren gar nicht so.

Eigentlich waren die Ärzte und Pflegekräfte, überall dort, wo ich hinkam, froh, dass sie Verstärkung hatten. Sobald sie gemerkt haben, mit der kann man arbeiten, hatte ich schon einen Stein im Brett. In den letzten eineinhalb Jahren habe ich vielleicht fünf Mal doofe Sprüche gehört. Manchmal sagt ein Kollege: „Weißt du was? Ich gehe jetzt nach Hause und du arbeitest für mich mit, denn du verdienst ja das Doppelte.“ Aber die meisten dieser Sprüche sind nicht böse gemeint.

Es passiert auch immer wieder, dass ich anderen Mitarbeitern der AnästhesieAgentur in Kliniken begegne und dann hat man schon so eine gemeinsame Ebene. Ich habe auch schon erstaunlich häufig mit Pflegekräften auf Zeit gearbeitet, die teilweise auch von unserer Firma waren, und das klappt immer sehr gut, weil man in einem ähnlichen System funktioniert.

Würden Sie den Stationsleistungen in Bezug auf Leihkräfte irgendetwas raten?

Ich habe letztens von einer Klinik ein paar Tage vor meinem Einsatz ein Handout bekommen, in dem stand, mit welchen Geräten sie arbeiten, wann die Visitenzeiten sind, welche Strukturen und welches Spektrum sie in der Notaufnahme haben. Das finde ich toll, aber es muss nicht unbedingt sein. Gerade wenn man als Fachärztin in der Anästhesie in ein Klinikum kommt und das Spektrum kennt, das einen im OP erwartet, dann muss man das nicht unbedingt haben.

Aber gewisse Vorabinfos sind wichtig, um überhaupt den Weg zur Klinik zu finden, um zu wissen an wen man sich wenden muss oder den Besprechungsraum zu finden. Es muss einfach klar sein, da kommt eine neue Leihärztin und die bekommt einen Umschlag mit den Codes und eine kurze Einweisung zum Telefon und zur Schlüsselkarte. Ich finde, so etwas muss vorbereitet sein.

Warum würden Sie Ärzten eine Zusammenarbeit mit der AnästhesieAgentur empfehlen?

Die AnästhesieAgentur ist eine wirklich gute Agentur. Allein dadurch, dass sie auf Anästhesisten spezialisiert ist, ist es völlig klar worum es geht. Ich werde auch relativ häufig in Kliniken von anderen Ärzten gefragt, wie das so ist als Leihärztin und dann gebe ich den Personen die E-Mail-Adresse von meinem Regionalleiter und sage: „Schreib den mal an, der ist super nett. Du kannst ihn ja mal fragen, was es für Möglichkeiten gibt. Ich kann nur sagen, es lohnt sich.“

Wodurch unterscheidet sich die AnästhesieAgentur von anderen Arbeitgebern im Gesundheitswesen?

Bei der AnästhesieAgentur arbeiten ja auch Anästhesisten bzw. Anästhesiepflegende, also Leute, die genau wissen, wie Anästhesisten arbeiten wollen und wie nicht. Und die totale Flexibilität mit einem Zeitkonto und der Möglichkeit, jederzeit meinen Beschäftigungsumfang zu ändern, das habe ich so noch nirgendwo anders angeboten bekommen. In diesem Jahr habe ich im April nur in der Nähe meines Wohnorts gearbeitet und mich nicht über die AnästhesieAgentur vermitteln lassen, weil meine Tochter Abitur gemacht hat und ich gerne zur Stelle sein wollte, für den Fall, dass sie mich braucht. Und da hat mein Regionalleiter gesagt: „Gar kein Problem.“ Das kenne ich so nicht, das habe ich vorher noch nie erlebt und das ist großartig.

Unter welchen Umständen würden Sie zurück in eine Festanstellung in der Klinik gehen?   

Im Moment würde ich unter keinen Umständen zurückgehen.  Es müsste eine Stelle sein, die völlig utopisch ist. Eine Stelle mit Wertschätzung und besseren Arbeitsbedingungen.

Einer erfahrenen Ärztin wie mir, wird zwar in der Regel genug Wertschätzung zuteil, aber oft nicht den Assistenzärzten. Und dann zählt die Wertschätzung für mich weniger.  Ich war kürzlich in einer Klinik in Brandenburg mit nur acht Leuten in der Anästhesie – vom Chef bis zum Anfänger – und da wurde jeder gut behandelt. Das war einfach unglaublich und es kam mir total irreal vor und ich dachte: „Ist hier irgendwo eine versteckte Kamera?“

Und was die Arbeitsbedingungen anbelangt: ich bin nicht bereit, einen Vertrag zu unterschreiben, der vorsieht, dass ich sechs Bereitschaftsdienste mit 24 Stunden zu einem Stundenlohn mache, der meiner Ausbildung nicht angemessen ist. Solange sich diese Bedingungen nicht ändern - und die Bedingungen werden ja sogar noch schlechter, da es nicht genügend Ärzte gibt - gehe ich nicht zurück in eine Festanstellung in eine Klinik.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft in der Anästhesie?

Ich wünsche mir, dass Kliniken keine Profite machen müssen und dass nicht alles gegen monetäre Aspekte abgewogen werden muss. Als zweites wünsche ich mir dringend eine bessere Ausbildung des Nachwuchses. Denn das ist das, was in den letzten Jahren weggespart wurde, so nach dem Motto: „Wir haben keine Leute, wir können nicht so viel beibringen.“ Aber je weniger Leute wir haben, desto dringender müssen wir etwas beibringen, damit die nachfolgende Generation nicht unsauber arbeitet.

Und das dritte ist wahrscheinlich im Bereich der Utopie und zwar, dass die Anästhesie deutlich ökologischer arbeitet und dass wir weniger Müll mit Einmalprodukten produzieren. Es gibt mittlerweile Wegwerf-Kissenbezüge, Wegwerf-Scheren, Wegwerf-Pinzetten, Wegwerf-OP-Kleidung. Es geht inzwischen viel weniger in den Steri, nur weil man ein paar Cent spart. Und ich produziere jeden Tag einen Sack Müll, ob ich will oder nicht. ich finde, das ist verantwortungslos unseren Nachkommen gegenüber.